Interview mit Julia Schleidt zum Thema Change Management

von | Okt. 24, 2020 | Blog

Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung. Wer kennt diesen Spruch nicht? Und tatsächlich könnte das Gefühl entstehen, dass Veränderungen in unserer heutigen Welt immer mehr an Dynamik aufnehmen. Durch die Corona-Pandemie wurden solche Entwicklungen noch einmal beschleunigt und haben gerade Organisationen unter einen besonderen Veränderungsdruck gestellt. Bereits vorher dagewesene Tendenzen, wie die Digitalisierung, sind mit aller Macht im Unternehmensumfeld angekommen.
Julia Schleidt ist Senior Strategy Consultant für die Themen Digital Change & Transformation und beschäftigt sich damit, was Veränderungen gelingen lässt und wie diese durch ein professionelles Change Management begleitet werden können. Ich habe Julia interviewt, um herauszufinden, wie Digitalisierungsprojekte zum Erfolg geführt werden können und welche Unterstützung Führungskräfte in Veränderungsprozessen benötigen.

Julia, du bist Senior Strategy Consultant für die Themen Digital Change & Transformation. Was versteht man denn genau darunter?

Vielen Dank erst einmal, dass du mir die Möglichkeit gibst, hier im Interview dabei zu sein. Ich berate Unternehmen, wie sie Digitalisierungsprojekte so gestalten, dass sie die Mitarbeiter*innen mit in die Veränderung nehmen. Dabei gibt es unterschiedliche Ansatzpunkte wie: Kommunikation, Stakeholder Management, verschiedene Workshop-Formate, Umfragen, Training, Organisationsentwicklung. Mit diesen Ansatzpunkten gelingt es, die Veränderung so zu gestalten, dass sie erfolgreich ist und die Mitarbeiter*innen und Führungskräfte begeistert.

Wie bist du dazu gekommen und was begeistert dich am Thema Change Management?

Eigentlich bin ich eine Art Quereinsteigerin im Bereich Change Management. Ich bin Wirtschaftsingenieurin mit Vertiefung in Produktion und Logistik und habe bereits während meines Studiums eine Trainerausbildung gemacht. Dabei habe ich die Leidenschaft für die Arbeit mit Menschen entdeckt.

Nun, irgendwann gab es den Moment, da bin ich Hals über Kopf in einem Digitalisierungsprojekt gelandet und sollte eine Industrie-4.0-Maßnahme in der Produktion einführen. Im Zuge dessen habe ich mich intensiv mit dem Thema Change Management auseinandergesetzt und konnte meine Erfahrung als Trainerin einbringen. Das Thema Digitalisierung finde ich total spannend und so habe ich mich bei einem großen Technologie-Beratungsunternehmen im Bereich Change und Transformation beworben.

Mich begeistert an der Kombination von Change Management in Digitalisierungsprojekten, dass es keinen Standard gibt, was dazu führt, dass die Projekte sehr abwechslungsreich sind. Ich finde es auch spannend, dass ich die Unternehmen oft über einen längeren Zeitraum begleiten darf und so die Strategie mitentwickeln darf und auch die Implementierung gestalte.

Was braucht es, damit Digitalisierungsprojekte in Organisationen erfolgreich sind?

Meiner Meinung nach: Den Menschen in den Mittelpunkt aller Überlegungen zu stellen. So schafft man überhaupt erst Lösungen mit Mehrwert für die Endanwender. Man richtet Prozesse sowie die Change Maßnahmen so aus, dass der Mensch gesehen und gehört wird. Oftmals passiert das so aber nicht. Viel zu oft beobachte ich, dass der Kunde oder Endnutzer bei der Entwicklung eines Produkts oder eines Services gar nicht eingebunden wird. Und auch bei der Implementierung kommt der Mensch leider viel zu oft zu kurz. Daher ist es leider immer noch so, dass rund 80 % der Projekte scheitern.

Welche Unterstützung benötigen Führungskräfte, um Veränderung erfolgreich implementieren zu können?

Zum einen ist es wichtig, dass es eine Change Story-gibt: der Kern ist, WARUM brauchen wir eine Veränderung. Die Führungskraft sollte hier als Vorbild vorangehen, und die positiven Aspekte hervorheben. Im Idealfall ist es aber so, dass die Führungskraft das Ganze nicht nur an die Mitarbeiter kommuniziert, sondern sowohl Vertreter der Führungskräfte als auch der Mitarbeiter die Veränderung selbst mitgestalten.

Mit welchen Methoden arbeitest du und was ist deine Lieblingsmethode?

Ich liebe Design Thinking. Zugegeben, das ist nicht nur eine Methode, sondern eine ganze Sammlung von Methoden und Tool sowie ein Mindset. Bei Design Thinking steht der Mensch im Fokus. Alle Übungen und Methoden sind darauf ausgerichtet, die bestmögliche Lösung für die Nutzer zu entwickeln. Und das Beste daran: durch die Übungen und durch den Prozess, werden noch mal ganz neue Ideen entwickelt. 

Nun ist das Thema „New Work“ in aller Munde. Ich weiß aber auch, dass du diesem Begriff kritisch gegenüberstehst. Worauf basiert diese Kritik und was könnte man besser machen?

New Work geht auf Frithjof Bergmann, einen Sozialphilosophen, zurück und beschreibt einen philosophischen Ansatz. Er setzt sich mit den bestehenden Strukturen auseinander, weg von Lohnarbeit und Kapitalismus hin zu Arbeit, in der sich der Mensch als freies Individuum verwirklicht. Die Werte von New Wort sind nach Bergmann: Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an Gemeinschaft. Was gerade passiert ist, dass es Weiterbildungen gibt, wie zum Beispiel von XING, Spiegel etc., die einen zertifizierten Kurs anbieten. Das hat aber nichts mit dem ursprünglichen Ansatz zu tun. Es ist auch offensichtlich, dass viele selbst ernannte New Worker sich wenig bis gar nicht mit Bergmanns Ideen auseinandergesetzt haben. Stephan Grabmeier hat es auf den Punkt brachte: „Viele Firmen sehen in New Work aber lediglich Methoden, Angestellte raffinierter zu domestizieren und auszubeuten.“ Das ist das Gegenteil von Bergmanns ursprünglicher Idee.

Inhaltlich kann ich aus meiner Erfahrung heraus sagen, dass New Work nicht immer der erste richtige Schritt ist. Oftmals wird von New Workern proklamiert, dass das “Alte” nicht mehr richtig ist. Gleichzeitig wird angenommen, dass New Work der richtige Weg ist. Das ist meiner Meinung nach falsch. Ich glaube, dass jedes Team, jede Abteilung und Unternehmen für sich herausfinden muss, was funktioniert. Das geht nur über Ausprobieren, Reflektieren, aus der Erfahrung lernen. Es gibt nicht diese eine Methode, die für alle immer funktioniert. Weder Agile, noch New Work bringen Heilung. Auch wenn wir uns wünschen würden, dass es ein Rezept gäbe, welches Besserung verspricht. Das gibt es nicht.

Mein Appell: Glaubt nicht dem Hype. Ein paar Events, flexible Arbeitszeitmodelle, moderne Raumkonzepte und spaßige Innovationsmethoden erschaffen nicht die Zukunft der Arbeitswelt.

Wie sieht für dich die Arbeit der Zukunft aus?

Meine Wunschvorstellung ist, dass Veränderungen im Unternehmen nicht mehr als schwierig oder herausfordernd gesehen werden.

Stell dir mal vor, die Mitarbeiter*nnen sind begeistert, wenn eine Veränderung kommuniziert wird. Das ist meine Traumvorstellung.

Ansonsten wird die Zukunft der Arbeit von Menschlichkeit geprägt sein. Die Arbeit wird digitaler und vornehmlich remote erledigt. Dafür braucht es ein Gegengewicht, also den Ausgleich durch Menschlichkeit.

Vielen Dank, Julia, für das tolle Interview.

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Mehr Informationen zu Julia Schleidt findest du unter:

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/juliaschleidt/
Instagram: https://www.instagram.com/julia.schleidt/

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