So sehen die Deutschen die Zukunft – Psychologische Grundlagenstudie

von | Dez 12, 2021 | Uncategorized

Führung findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist immer in einen sozialen Kontext eingebettet. In diesem Artikel zoomen wir mal aus der Organisation auf die Ebene der Gesellschaft heraus und betrachten, wie denn die aktuelle Stimmung und das Zukunftsbild der Deutschen ist. Dabei beziehe ich mich auf Ergebnisse einer Studie des Rheingold Instituts für die Philosophie Identity Foundation in Deutschland.

Die Studie wurde in einer Kombination von 62 tiefenpsychologischen Interviews und 1000 Teilnehmer*innen an einer Fragebogen-Befragung durchgeführt. Ziel war es, herauszufinden, wie sich das Stimmungsbild der Deutschen aufgrund von Krisenerfahrungen wie die Corona-Pandemie verändert hat und welche Auswirkung das auf die erlebten Zukunftsperspektiven in Deutschland hat. Schauen wir uns also die Ergebnisse der Studie etwas genauer an.

Wie ist das Stimmungsbild und Lebensgefühl in Deutschland?

Insgesamt kann man sagen, dass das Stimmungsbild der Deutschen von einer starken Verunsicherung geprägt ist. Durch sich häufende Krisen, wie die Corona-Pandemie, aber auch Klima- und Umweltkatastrophen, wird die Umwelt als unkontrollierbar und die Regierung als machtlos wahrgenommen. Zudem wird das gesellschaftliche Klima durch zunehmende Meinungspolarisierung, immer aggressivere Diskussionen und erlebte Ungerechtigkeiten als immer aufgewühlter und unruhiger wahrgenommen.

Was ist die Folge davon? Die Menschen in Deutschland ziehen sich immer mehr in das eigene private Schneckenhaus zurück, da sie sich selbst auf gesellschaftlicher Ebene als hilflos erleben (‚Was soll ich denn ändern?‘). Hingegen wird das eigene Privatleben durchaus positiv gesehen. So beschreiben die Forscher*innen eine Aufbruchstimmung im Kleinen. Der Alltag wird neu organisiert und hergestellt, dabei bezieht man sich vor allem auf nahe-stehende Menschen. So wird das eigene Zuhause als Sicherheit bietende ‚Krisen-Trutzburg‘ gesehen. Die Freizeit wird gerne in Naherholungsgebieten verbracht. Das Land- und Dorfleben werden romantisiert.

Zudem liegt der Fokus der befragten Personen auf der Gegenwart. Es zählt das Hier und Jetzt, das Kurzfristig-Machbare und vor allem einfache Freuden das Alltags stehen im Fokus. Ob privat oder beruflich, es wird eine ‚Politik der kleinen Schritte‘ betrieben und eine weitere entfernte Zukunft rückt in den Hintergrund.

Gleichzeitig entdecken die Deutschen auch die eigene Selbstwirksamkeit. Die Verantwortungsübernahme für das eigene Leben nimmt bei einigen Bürger*innen zu, während das Vertrauen in übergeordnete Einheiten (z.B. Staat, Regierung, Kirche) teilweise verloren gegangen ist. Somit wird der Glaube an sich selbst und den eigenen Inner Circle zu einer Art neuen Religion. Dabei spielen auch Aspekte wie Achtsamkeit und Praktiken wie die Meditation eine große Rolle.

Insgesamt lässt sich jedoch sagen, dass im Alltag ein durch die Corona- und die Klima-Krise erschüttertes Weltgefühl verdrängt werden. Zwar wird von den Befragten die Veränderungs-Notwendigkeit erkannt, dennoch schrecken diese vor einer tieferen Auseinandersetzung zurück und einem Angehen der Herausforderungen zurück.

Welche Zukunftsvorstellungen herrschen in Deutschland?

Insgesamt lassen sich hierbei zwei Tendenzen beschreiben. Auf der einen Seite herrscht in Deutschland der Wunsch, den Alltag wiederherzustellen und in den Griff zu bekommen, auf der anderen Seite besteht eine Ohnmacht aufgrund eines überwältigenden Veränderungsdrucks durch Jahrhundertprobleme im Außen.

Beharrungstendenzen und Wunsch nach permanenter Gegenwart

Der Rückzug in das eigene private Schneckenhaus führt zu einem starken Sicherheitsgefühl. Dabei werden die Grundbedürfnisse nach sozialer Wärme, Sicherheit und Versorgung erfüllt. Auf der anderen Seite entsteht dabei auch eine stetig steigende Selbstbezüglichkeit. Das heißt, die Außenwelt wird gar nicht mehr so stark wahrgenommen. Die Offenheit für Neues, Veränderungen und die Meinungen von Anderen sinkt. Einige äußern durchaus hedonistische und nach innen gekehrte Haltungen (‚Nach mir die Sinnflut‘, ‚Germany first‘).

Das Leben findet zunehmen in verschworenen Gemeinschaften, damit aber auch in Gesinnungsblasen statt. Das Zusammensein mit vertrauten Gruppen entlastet zwar psychisch, führt jedoch auch dazu, dass immer stärkere Meinungsblasen konstruiert werden, die nur noch schlecht miteinander in Einklang zu bringen sind.

 Die eigene Selbstwirksamkeit ist durch die Krise gestärkt worden. Die Menschen fühlen sich handlungsfähiger und selbstständiger als vor der Corona-Pandemie. Der eigene Lebensstil wird überdacht, man entdeckt neue Beschäftigungen und es kommt zu beruflichen Neuorientierungen. Gleichzeitig geben die Befragten an, dass sie das Vertrauen in die Politik und übergeordnete Institutionen verloren haben sowie dass das Gemeinwohl in Deutschland gelitten hat und sie sich nun vor allem um sich selbst kümmern.

Ohmacht vor überwältigendem Veränderungsdruck

Die Deutschen erleben für sich selbst ein Machbarkeitsdilemma. Auf der einen Seite liegt der Fokus darauf, das Bestehende zu sichern und das Machbare umzusetzen. Auf der anderen Seite besteht eine Art Schockstarre beim Gedanken an das Unschaffbare in Bezug auf große Krisen, Entwicklungen und Konflikte. Die Bevölkerung spaltet sich auch aufgrund ihres Grads zur Veränderungsbereitschaft, z.B. aufgrund der Bereitschaft zu verzichten oder Annehmlichkeiten aufzugeben, um Probleme zu lösen. Privat erleben sich die Deutschen also als sehr selbstwirksam, gesellschaftlich jedoch eher wie ein kleines Rädchen, das nicht viel ausrichten kann.

Unterschwellig glauben die befragten Personen an eine Erlösung, die sich jedoch zwischen Himmel und Hölle bewegen kann. Auf der einen Seite wird die Zukunft in grünen Farben ausgemalt (Green Cities, Versorgung im Überfluss durch technischen Fortschritt). Auf der anderen Seite geht damit auch Vorstellung der Aufgabe menschlicher Freiheit, Vernunft und Verantwortung einher. Dies wird jedoch teilweise positiv gesehen, wenn dafür paradiesische Sicherheit aufrechterhalten werden kann.

Gleichzeitig bestehen jedoch auch Untergangsfantasien, die Ängste schüren und dadurch die intensive Auseinandersetzung mit der Zukunft versperren. Damit gehen Befürchtungen einher, dass der Mensch nun für seine eigene Entwicklung bestraft wird. Als größte Problematiken werden dabei die Klimakatastrophe, unkontrollierte Migration, soziale Spaltung, die Furcht vor Technik-Herrschaft sowie Autokratie und Tolitarismus gesehen.

Welche Zukunftsstrategien bestehen in Deutschland?

Die Forscher*innen konnten aus den Befragungen sechs Zukunftstypen entwickeln. Diese möchte ich im Folgenden kurz darstellen:

  • Eingekapselte: Diese Personen verdrängen die Zukunft durch den Rückzug in das Private und den Bezug auf sich selbst. Tendenziell idealisieren sie die Vergangenheit (‚Früher war alles besser.‘) und blende große Zukunftsfragen aus.
  • Familiäre: Für diese Personen ist die Familie der Stabilitätsanker für die Zukunft. Sicherheiten in der und für die Familie werden ausgebaut. Die Erweiterung des eigenen Wohnraums, die Bildung der Kinder oder auch Reisen mit der Familie stehen im Fokus der Überlegungen.
  • Fortschritts-Illusionisten: Diese Gruppe geht davon aus, dass technischer Fortschritt die großen Herausforderungen der Zukunft lösen wird. So haben sie die Möglichkeit, das eigene Leben weiterhin zu genießen und sich nicht einzuschränken. Die Zukunftsbetrachtung bezieht sich herbei vor allem auf die Frage, wie die eigenen Träume erfüllt werden können. Die Probleme der Welt werden durch den Glauben an gesellschaftlichen Fortschritt als lösbar wahrgenommen.
  • Tribalisten: Tribalisten engagieren sich vor allem im lokalen Raum in authentischen Neo-Gemeinschaften. In diesen Gruppen (z.B. in Vereinen, Parteien, Nachbarschaften etc.) werden Projekte umgesetzt und vorangetrieben. Ihr Zukunftshoffnung speist sich aus der eigenen Graswurzel-Arbeit.
  • Selbst-Ermächtiger: Diese Gruppe glauben an ihre eigenen Fähigkeiten, ihren Ehrgeiz und ihre Strebsamkeit. Sie möchten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und ihren persönlichen Werdegang selbst gestalten. An die Stelle eines Gottes- oder Staatsvertrauens tritt der Glaube an sich selbst und das eigene Entfaltungspotenzial. Somit blicken sie optimistisch in die Zukunft und sind veränderungsbereit.
  • Missionierende: Missionierende möchten mit einem guten Beispiel vorangehen. Sie verschreiben sich einer weltrettenden Idee und ordnen ihren Alltag diesem unter. Dabei suchen sie auch beruflich nach einer sinnstiftenden und nachhaltig erscheinenden Tätigkeit. Sie möchten die Zukunft mit-verändern und dabei eine Vorbild-Funktion einnehmen.

Aus diesen sechs Typen lassen sich also zwei Perspektiven ableiten. Sind Menschen eher auf Regression, also Vergangenheitsbezug; oder auf Progression, also Zukunftsbezug, fokussiert? Und beziehen Sie sich vor allem auf sich selbst oder eher auf eine Gemeinschaft?

Welche Tendenzen ergeben sich im Gesamten?

Abschließend möchte ich die gezeigten Tendenzen noch mit einigen Daten ergänzen. Diese bezieht sich auf die Fragebogen-Befragung der Studie.

  • 64 % der befragten Deutschen zeigen sich für das eigene Leben optimistisch oder eher optimistisch. 59 % hingegen sehen der gesellschaftlichen Zukunft weniger optimistisch entgegen.
  • Die Mehrheit der Befragten zieht sich in das private Umfeld zurück. 48 % konzentrieren sich auf Privatleben und Beruf und packen in diesem Bereich vieles an. Nur 9 % der Befragten ist gesellschaftlich aktiv und leistet einen Beitrag für die Gemeinschaft.
  • Bei den Lebenszielen überwiegen vor allem die Wünsche: „eine Familie gründen und mich um sie kümmern“ sowie „mich zurücklehnen und das Leben genießen“.
  • Als wichtigste Kernthemen für die Zukunft werden Gesundheit, Klima- und Umweltschutz, soziale Absicherung (z.B. bei Rente, Pflege, Arbeitslosigkeit) und (bezahlbares) Wohnen gesehen.
  • Die Mehrheit der Deutschen nimmt eine gespaltene Gesellschaft (83 %), ihre Selbstbezüglichkeit (87 %) und kaum einheitliches Interesse (84 %) wahr. Zudem wird die Atmosphäre in der Gesellschaft von 91 % der Befragten als zunehmend aggressiv empfunden.
  • 67 % der befragten Deutschen sehen zwar gute Voraussetzungen für die Lebensgestaltung in Deutschland. Dennoch sehen 90 % auch eine Polarisierung der Gesellschaft in Arm und Reich.
  • 70 % der Befragten ist eine sichere Rente und soziale Absicherung wichtig, um in 10-15 Jahren zufrieden und glücklich in Deutschland leben zu können. 50  % sehen eine intakte Umwelt als wichtig an.
  • 88 % der Befragten geben einen starken Veränderungsdruck an, ein pessimistisches Zukunftsbild herrscht bei 76 %. Dennoch werden die Krisen von 80 % auch als Chance wahrgenommen.
  • Ein Beitrag für die Zukunft setzt für die meisten vor allem im eigenen Wirkungskreis an. So werden Wahlbeteiligung, ein bewusster und nachhaltiger Konsum und die Vorbildfunktion für das Umfeld als wichtiger Beitrag für die Zukunft Deutschlands gesehen.
  • Den größten Optimismus für die Zukunft stiften Familie, Freunde und der Glaube an sich selbst.

Was schließen wir daraus für die Führung?

Die folgenden Aspekte ziehe ich daraus für die Führung. Ich möchte die Schlussfolgerungen gerne auf drei Ebenen betrachten.

Schauen wir uns zunächst einmal die Selbstführung an. Auf dieser Ebene kannst du dich einmal selbst hinterfragen. Wo würdest du dich selbst einordnen? Wie ist dein aktuelles Stimmungsbild und wie siehst du die Zukunft? Welches Verhalten zeigst du dadurch? Wie nimmst du dadurch deine Umwelt und dein Umfeld wahr?

Und damit sind wir schon beim Übergang zur Mitarbeiter- und Teamführung. Deine Einstellung und deine Wahrnehmung hat Auswirkungen darauf, wie du mit deinem Umfeld umgehst. Frage dich doch einmal, welche Zukunftstypen in deinem Team vertreten sind. Wie wirkt sich das auf eure Teamdynamik aus? Seid ihr sehr homogen oder eher heterogen unterwegs? Was könnt ihr daraus für euch lernen?

Blicken wir zum Abschluss auf die Organisationsführung. Dabei ist mir wichtig zu erwähnen, dass die Organisation ja nun in diesem beschriebenen Szenario agieren muss. Was bedeuten diese Tendenzen für die gesamte Organisation, für die Wertschöpfung, vielleicht sogar für die Branche insgesamt? Welche Zukunftsszenarien habt ihr für euch entwickelt? Gibt es überhaupt Zukunftsszenarien in eurer Organisation? Und welchem Zukunftstyp entsprechen diese Szenarien am ehesten?

Ich wünsche dir und euch viel Freude und Erfolg bei der Reflexion.

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Quelle:

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