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Neues Arbeiten? New Work? Die Begriffe ertönen aus allen Ecken und dennoch gibt es keine einheitliche Definition. Das ist wie die Aufforderung, einen Baum zu zeichnen. Was ein Baum ist, ist jedem klar. Aber ist es ein Nadelbaum? Ein Obstbaum? Vielleicht sogar ein Weihnachtsbaum?

Wie sieht nun also diese neue Arbeitswelt aus? Wird ein Unternehmen innovativ, wenn es einen Kickertisch aufstellt? Und gibt es einen Zusammenhang zwischen einem Spaziergang in der Sonne und New Work? Wie kann auch die ganz persönliche Definition von Neuem Arbeiten aussehen? Christine Neumann von Vision Session, Brigitte Walter von Digitale Schreibfeder und Amelie Kollhoff von neuearbeitszeiten haben das Thema aus ihrer Perspektive beleuchtet. Dabei sind drei sehr spannende und höchstlesenswerte Beiträge entstanden.

Bleibt nur noch die Frage, was Neues Arbeiten für mich persönlich ist. Wenn Technologien im Arbeitskontext immer wichtiger werden und durch technischen Fortschritt immer mehr Aufgaben wegfallen oder abgenommen werden, wird der Mensch wieder vermehrt auf sein Menschsein zurückgeworfen. Denn dann kommt automatisch die Frage auf, was uns als Menschen so besonders macht. Kreativität, Innovation, Kommunikation – all das kann nicht so einfach von einer Maschine übernommen werden. Dies geht einher mit einer gesellschaftlichen Veränderung, in der Aspekte wie die Sinnfrage und die Selbstentfaltung immer mehr in den Vordergrund rücken. Somit ist Neues Arbeiten für mich, Arbeit wieder menschzentrierter zu gestalten und unsere Bedürfnisse noch mehr in den Fokus zu rücken. Denn auch aus psychologischer Sicht zeigt sich, dass wir mehr erreichen, wenn wir motiviert, engagiert und zufrieden sind. Und das überzeugt dann auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht.

Nun soll aber meine Perspektive ergänzt werden um die Sichtweisen von drei inspirierenden Frauen. Bühne frei!

Neues Arbeiten bedeutet für mich vor allem, dass sich der Mensch nicht mehr einfach an vorgegebene organisationale Strukturen anpasst. Ganz im Gegenteil! Den Menschen wieder ins Zentrum zu rücken und Arbeit – in all ihren Prozessen, Strukturen und Abläufen – so zu gestalten, dass sie die menschlichen Grundbedürfnisse fördert, ist für mich der Inbegriff Neuer Arbeit.

New Work beginnt für mich daher schon mit meiner Rolle als Team- und Organisationsentwicklerin, indem ich eben nicht die 1.000. Struktur mitbringe, an die sich nun alle Mitarbeitenden halten sollen. Sondern indem ich dazu einlade, gemeinsam Visionen der Zukunft zu erschaffen. In diesen Visionen, die in der Team- und Organisationsentwicklung entstehen, erzählen Mitarbeitende davon, wie sie sich ihre Arbeit vorstellen.

Und das deckt sich 1:1 mit den Themen Neuer Arbeit. Mitarbeitende wollen in ihrer Ganzheit als Menschen wahrgenommen werden. Sie wollen ihre ganz persönlichen Expertisen einbringen können. Und zwar auch die Expertisen, die vielleicht noch im Unbekannten liegen, weil sie nicht über ein herkömmliches Zertifikat abgedeckt werden. Mitarbeitende wollen sich ihre Pausen selbst einteilen und dann in der Sonne spazieren gehen. Sie wollen von zuhause aus arbeiten oder auch Kind und Hund mit in die Firma nehmen dürfen.

Und ja klar, es geht auch um Mitbestimmung und Selbstbestimmung. Im Zentrum steht jedoch immer die Ganzheit. Das Verschwimmen von Menschsein und Arbeit.

Und wenn wir noch tiefer gehen, dann tauchen plötzlich Themen wie „Sinn und Berufung“ auf. Wofür bin ich hier? Was ist mein Beitrag? Diese Fragen weichen bewusst ab, von der Idee, neue Strategie entwickeln zu müssen, um Arbeit bis zur Rente auszuhalten.

Arbeit soll nicht ausgehalten werden. Sie soll uns beleben, fördern und stärken.

Christine Neumann, Systemische Supervisorin, Coachin und Trainerin. Gründerin von Vision Session – Institut, Plattform und Community für Beratende, https://www.visionsession.de

Wie ich New Work in mein Arbeitsleben integriert habe

New Work als Begriff ist mir erst kürzlich begegnet. Was mir sofort bewusst wurde: Dieser Ansatz von Frithjof Bergmann ist die Art von Leben und Arbeit, nach der ich jahrelang gesucht habe.

Im klassischen 9-to-5-Arbeitsmodell fühlte ich mich verloren und ineffektiv. Der Witz dabei: Mir war klar, dass ich so nicht arbeiten kann und doch strebte ich danach, einen „ansehnlichen“ Job auszuüben.

Die Wahrheit ist: Seit meinem Studium bin ich bereits selbstständig tätig. Eine Stimme in mir wusste, dass ich nichts in einem Unternehmen zu suchen hatte, das mir 23 Urlaubstage genehmigt bei einem viel zu niedrigen Lohn. In Dresden an der Tagesordnung. Hilfe?!

Ich war auf der Suche nach einem Arbeitsleben, das zu mir und meiner Persönlichkeit passt.

Etwas leisten, das andere unterstützt

Mein erster Anspruch an mich und meinen Job: Ich möchte etwas leisten, das anderen auf ihrem Weg weiterhilft. Stichwort sinnstiftende Arbeit.

Ich fand eine Möglichkeit, auf freiberuflicher Basis zu lehren: In der Erwachsenenbildung unterstützte ich Menschen dabei, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Ich schätzte vor allem die Selbstverantwortung, Kurse annehmen oder ablehnen zu können.

Nach wenigen Jahren geschah folgendes: Die Kurse bereiteten mir Freude und in der Zusammenarbeit mit Menschen fühlte ich mich wohl. Dennoch spürte ich, dass mir die Arbeit viel Energie zog. Im Kursbetrieb war ich die Fröhlichkeit in Person und danach müde und genervt. Warum?

Während der Arbeit Energie tanken

Mir wurde bewusst, dass ich eine Tätigkeit ausüben wollte, die meinem Gegenüber UND mir selbst Energie gibt. Ich möchte Kraft tanken durch die Gespräche, die ich führe. Klingt das unrealistisch?

Ich traute mich kaum, diese Ambition auszusprechen, wirkte es doch so abwegig. Jahrelang sah ich Menschen in meinem Umfeld dabei zu, wie sie ausgelaugt von der Arbeit kamen. Wie konnte ich also von einem Job träumen, der mir all diese Freiheiten ermöglicht? Meine Suche ging weiter.

Persönlichkeit zeigen und ich selbst sein

Du ahnst es: Ich möchte bei meiner Arbeit keine Rolle spielen. Was mir wichtig ist: Ich selbst sein. Authentizität. Meine Persönlichkeit zeigen und mich nicht hinter Kleidung oder einem gewählten Ausdruck verstecken. Genau das lebe ich heute in meiner Tätigkeit als Spezialistin für Suchmaschinenoptimierung.

Meine Erkenntnis: Zu mir finden die Kunden, die zu mir passen. Personen, die meine Art zu reden, meine Vorgehensweise und meine Werte schätzen. Ich liebe das! Ich wage sogar zu behaupten, dass meine Kund*innen aufgrund meiner Persönlichkeit mit mir zusammenarbeiten. SEO bieten viele an. Doch keine macht es wie ich.

Gegenseitige Wertschätzung

Was wir uns alle wünschen: Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen, die auf einer Wellenlänge sind. Ich glaube, dass wir ein empowerndes Arbeiten erreichen können mithilfe von Wertschätzung der eigenen UND der Arbeitsleistung der Mitarbeiter*innen. In meinem Fall die meiner Freelancer*innen.

Dieses Jahr habe ich auch meine erste Praktikantin begleitet. Was für eine aufregende Erfahrung! Mein Fazit: Wir haben tolle Erfolge erzielt, indem wir uns wertschätzend und ehrlich begegnet sind.

Fakt ist: Ich weiß nun, dass New Work das beinhaltet, wonach ich suchte. Das hilft mir, diesen Ansatz für mich zu nutzen. Wie lebst du das Neue Arbeiten für dich?

Brigitte Walter, SEO-Spezialistin für Selbstständige, https://www.digitaleschreibfeder.de/

Schluss mit dem Hype – New Work kann so viel mehr!

„Wir haben auf Sitzsäcken gesessen – und einer hatte keine Schuhe an“ – das war die Zusammenfassung. Von meinem damaligen Chef und seinem Meeting bei den Startups, in Berlin. Er durfte mal raus, auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen, in die „Szene“ eintauchen und mit den Menschen in „Hoodies“ kommunizieren. Wir, sein Team, waren im Gegensatz zu ihm, im Büro geblieben. Mit unserem Thin Client, dem Faxgerät und einem Telefon mit Schnur – und waren eigentlich tatsächlich an den Inhalten des Meetings interessiert.

Was sind die Geschäftsmodelle von morgen? Wie könnte sich unsere Branche verändern? Und was können wir für unsere Strategiearbeit von den Startups lernen? Aber wir fragten vergebens. Mehr als die wiederholte Erwähnung „der hatte wirklich keine Schuhe an“ bekamen wir nicht zu hören.

Büros haben keine Wände mehr, alle sitzen in einem Bereich. In der Mitte ein Kicker-Tisch und in der Büroküche frisches Obst. So lautet scheinbar das Geheimrezept. Für glückliche Mitarbeiter*innen – und ganz viel Kosteneinsparung und Gewinn. Kein Wunder, dass bei uns so viele Projekte nicht funktionieren, ewig dauern oder alle Mitarbeiter*innen mit den Ergebnissen unzufrieden sind. Wir haben keinen Obstkorb, sitzen maximal zu viert in einem Büro und sehen auch nirgends einen Kicker-Tisch.

Das ist dieses New Work von dem alle sprechen. Das brauchen wir auch. Die Konkurrenz ist uns schon voraus, wir ziehen schnell nach. Gesagt getan. Wände werden eingerissen, Sitzsäcke bestellt. Und am Ende noch schnell beschlossen, dass man im Flex-Desk-System einen Tisch auch für „immer“ reservieren kann.

So war das aber doch eigentlich nicht geplant, dass hatte man aus Berlin ja noch nie gehört. Dass Mitarbeiter*innen nur an festen Plätzen sitzen wollen oder der Lärm sie in einem Großraumbüro fast wahnsinnig macht. Und Obst? Das haben sie doch Zuhause, und Kickern ist eigentlich auch nicht so ihr Ding. Und jetzt?

Das Budget ist leer und irgendwie hat sich doch nichts getan. Viele Projekte funktionieren auch weiterhin nicht, vor lauter neuer Methoden, weiß keiner mehr, was jetzt eigentlich für alle Pflicht & was freiwillig ist und die 5 Hierarchiestufen stimmen immer noch darüber ab.

Beim letzten Design Thinking Workshop im Hotel gabs wirklich gutes Essen aber hier bei uns im Büro? Da ist der agile Workshopraum für die nächsten 2 Jahre ausgebucht.

Spulen wir doch mal kurz zurück, was war eigentlich ursprünglich mal der Plan? Ein Meeting in Berlin, zwischen alter bzw. traditioneller Unternehmenswelt und den agilen Startups mit junger Kultur. Warum? Um zu schauen, was die Gemeinsamkeiten und was die Unterschiede sind.

Was macht diese „moderne Arbeit“ erfolgreich & effektiv – und in welchen Fällen funktioniert die neue Kultur vielleicht gar nicht? Und mit den daraus gewonnen Erkenntnissen wollte man im eigenen Haus Veränderungen anstoßen. Mitarbeiter*innen sollten zufrieden sein und Projekte sollten funktionieren, damit Kosten gespart und der Unternehmenserfolg langfristig gesichert wird.

Was hat man jetzt gemacht? Man hat kopiert – und dabei leider die eigene Infrastruktur vergessen. Aber noch viel wichtiger: Man hat auch die Menschen vergessen, die in dieser Infrastruktur leben & arbeiten. Das Prinzip New Work wurde hier leider falsch interpretiert. Denn, meiner Meinung nach, gibt es beim Thema New Work nicht den einen Masterplan, der „Erfolg“ garantiert. Und deswegen sage ich: New Work kann so viel mehr – zum Beispiel auch altmodisch sein. Denn das, was die Prozesse zur Zielerreichung und die Mitarbeiter*innen zum Glücklichsein brauchen, kann in manchen Fällen auch ein Faxgerät und ein Viererbüro sein.

In diesem Sinne: Erforscht eure Bedürfnisse, lasst euch von niemandem bequatschen & kreiert eure ganz persönliche #NewWork Arbeitswelt!

Amelie Kollhoff, Gründerin neuearbeitszeiten, www.neuearbeitszeiten.de