Interview mit Melanie Birsin zu weiblicher Führung und dem Aufstieg von der Kollegin zur Vorgesetzten

von | Jun 13, 2020 | Uncategorized

Melanie geht ihren Weg. Auch gegen Widerstände ist sie in ihrem ehemaligen Unternehmen, einer Bank, von der Kollegin zur Vorgesetzten aufgestiegen. Jahrelang hat sie dort als Führungskraft mit Projektverantwortung gearbeitet, bevor sie sich selbstständig als Mentorin für selbstständige Mütter machte. Wir haben zu ihrer Führungskarriere in einem männlich dominierten Umfeld, ihrem persönlichen Führungsstil als Frau und ihrer Mission als Unternehmerin gesprochen.

Du bist jetzt mittlerweile selbstständig als Mentorin für Mompreneurs, also selbstständige Mütter. Wie würdest du selbst dein Business beschreiben?

Ich würde es beschreiben als großes Netzwerk. Mittlerweile biete ich nicht nur 1:1-Mentoring, sondern auch Gruppen-Mentoring an, so dass die Teilnehmerinnen auch Gelegenheit haben, sich kennenzulernen und sich auszutauschen. Was das 1:1-Mentoring betrifft, bin ich sehr flexibel, weil die Bedürfnisse von den einzelnen Müttern doch sehr unterschiedlich sind. Es gibt natürlich Themen, die sich wiederholen, die ich aufgreifen kann. Es kommt aber immer sehr stark auch auf die Mutter beziehungsweise auf die Frau an, weil hier Punkte wie Privatleben, Background, Stand des Business und so weiter eine Rolle spielen. Da muss ich natürlich individuell auf die Klientinnen eingehen können.

Was ist dir als Mentorin für Frauen und insbesondere Mütter wichtig?

Besonders wichtig ist, zu versuchen, mein Gegenüber zu verstehen. Für mich ist es auch wichtig, nicht in Vorurteile oder in ein Schubladendenken zu verfallen, sondern zu versuchen, sich in diese Person hineinzuversetzen und das Gesamtbild dieser Person zu erfassen.

Du warst vor deiner Selbstständigkeit jahrelang Führungskraft in einer Bank. Was waren für dich die herausforderndsten Stationen oder Situationen in dieser Tätigkeit?

Das erste, was mir da einfällt, ist, dass ich plötzlich von der Kollegin zur Vorgesetzten wurde. Das war die erste Herausforderung, weil ich nicht wusste, wie gehen die Kollegen damit um. Kommen sie gut damit klar? Werde ich auf Widerstände stoßen oder wird das super laufen?

Und der zweite Punkt war, wie ich mich gegenüber meinem Vorgesetzten durchsetzen werde. Ich hatte nämlich noch drei Vorgesetztenebenen über mir. Meine Herausforderung war, mich bei meinem direkten Vorgesetzten durchzusetzen, weil ich unbedingt eine Projektleitung übernehmen wollte. Seine Meinung war mir sehr wichtig, aber hier lagen unsere Ansichten weiter auseinander. Ich habe mich aber trotzdem durchgesetzt und gesagt, dass ich das machen möchte. Letztendlich durfte ich diese Position also übernehmen.

Was hat dir persönlich geholfen, mit diesen Herausforderungen umzugehen?

Wir hatten von der Bank einen Coach zur Seite gestellt bekommen, als wir wussten, dass wir aufsteigen werden. Nicht nur ich war betroffen, sondern auch zwei andere Frauen, die befördert wurden. Wir haben einen Coach an die Seite bekommen, der uns unterstützt hat. Ich habe, auch privat, Seminare besucht und Weiterbildungen gemacht, mich viel eingelesen und eingearbeitet. Was auch super wichtig war, das habe ich auch in meiner Ausbildung als Projektleiterin gelernt: ‚Das beste Tool ist ein Stuhl.‘ – das bedeutet, Kommunikation auf Augenhöhe mit deinem Umfeld, egal ob das jetzt deine Mitarbeiter sind oder die Vorgesetzten. Es ist wichtig, viel, gut und sachlich zu kommunizieren.

Was hat dir bei der Arbeit mit dem Coach am meisten geholfen? Und was waren Themen, an denen ihr gearbeitet habt?

Das waren zum Beispiel Themen, wie man damit umgeht, wenn einer der ehemaligen Kollegen nicht so gut damit klarkommt oder nicht so gut darauf reagiert, dass man jetzt die Vorgesetzte ist. Auch wie man mit Kritik umgeht oder der Frage, die gestellt wird und mir auch gestellt wurde, warum ich befördert wurde und nicht der Kollege. Wir haben daran gearbeitet, wie man darauf eingeht, ohne in die Rechtfertigung zu kommen. Das man sagt, es ist halt jetzt einfach so, aber ich verstehe deinen Punkt und lass uns doch zusammen daran arbeiten, wie du dich weiterentwickeln kannst und wie du dahin kommen kannst, wo du hinkommen möchtest. Wir haben mit dem Coach zum Beispiel auch Rollenübungen gemacht.

Man muss natürlich auch Aufgaben übernehmen, wie die Moderation von Meetings, was man vorher auch nicht typischerweise gemacht hat. Da war es hilfreich, das freie Reden mit diesem Coach zu üben. Er hat uns eine Rede an die Hand gegeben, die wir so enthusiastisch wie möglich halten sollten. Das war auch sehr spannend, weil jede es ein bisschen anders adaptiert hat.

Wir haben auch darüber gesprochen, was man verbessern kann, wenn man aktuelle Herausforderungen und Themen hat. Da konnten wir ihn direkt ansprechen. Er hat direkt reagiert, ist auf uns und unsere Probleme eingegangen. Er hat uns Tipps gegeben und uns geholfen, uns dahin zu entwickeln, wo wir hinwollten.

Was war der schönste Moment für dich als Führungskraft?

Der schönste Moment war, als einige Mitarbeiter zu mir gekommen sind und gesagt haben, dass sie super happy sind, dass sie mich als Vorgesetzte haben und keine andere. Das war für mich ein Zeichen, dass ich irgendwas richtig mache, auch wenn für mich alles neu war und ich erst hineinwachsen musste. Auch als ich gegangen bin, habe einige Leute danach zu mir gesagt, dass bei mir alles so leicht war, dass ich sie in Schutz genommen habe, immer für sie da war und ein offenes Ohr hatte. Das ist schön, wenn man auch im Nachhinein noch positives Feedback bekommt.

Wie würdest du selbst deinen Führungsstil beschreiben?

Ich würde sagen, streng, gerecht und offen. Ich hatte auch klare Vorgaben, die ich und meine Angestellten einhalten mussten. Da gab es auch keinen großen Spielraum. In der Bank gibt es bestimmte Auflagen und Gesetze, die man einhalten muss. Da hat man nicht die Möglichkeit, kreativ zu werden. Aber es war auch gerecht, das heißt, es durften auch Fehler passieren und man hat dann nicht den Kopf abgerissen bekommen, selbst wenn es Arbeit bedeutet hat, das wieder auszubügeln.

Ich war offen, das bedeutet, wenn irgendetwas war, dann konnte man es jederzeit ansprechen. Ich habe mir dann immer Zeit genommen, wenn jemand um ein Gespräch gebeten hat. Dann haben wir darüber gesprochen, was denjenigen bewegt, was nicht so gut läuft und was man sich wünschen würde für die Zukunft. Das war mir auch wichtig, dass meine Mitarbeiter wissen, ich bin da, ich habe ein offenes Ohr und wir können über alles reden.

Würdest du sagen, Frauen führen anders oder ist das ein Klischee?

Ich finde, das ist schon irgendwo wahr, wenn ich meine direkten Vorgesetzten betrachte, die alle männlich waren. Es gab Situationen, da wurde ich mit meinem direkten Vorgesetzten von einem meiner Mitarbeiter in einen Meetingraum gerufen und er hat uns dann etwas Privates erzählt, was mich sehr berührt hat. Ich habe versucht, sehr einfühlsam zu reagieren, weil ich einfach weiß, dass manche Probleme sehr schwierig sind, gerade wenn es die Familie betrifft. Und dann sollte man meiner Meinung nach sehr einfühlsam damit umgehen, auch wenn es das Business betrifft. Ich habe gesagt, nimm dir ruhig Zeit, nimm dir ein paar Tage frei und komm damit erstmal klar. Und mein direkter Vorgesetzter hat gesagt, dass er wissen muss, was er macht. Das waren so die Unterschiede, wo man gemerkt hat, dass ich einfühlsamer als Frau war. Wobei das auch nicht heißt, dass ich die Heulsuse war, wie das manche dann denken. So war es auch nicht. Aber man muss sagen, dass die meisten, nicht alle, Frauen etwas einfühlsamer sind.

Was ist ein wichtiges Learning aus deiner Führungskarriere?

Das ist das Gleiche wie gerade mit meinem Kind. Mein Kind interessiert es nicht, was ich sage, sondern was ich tue. Ich muss immer ein Vorbild sein. So war das als Vorgesetzte auch. Ich hatte auch als Vorgesetzte Zeiten, da lief es bei mir privat nicht so rund. Das hat man dann auch im Job gespürt und mein Team hat es gemerkt und hat mich darauf angesprochen. Da habe ich erkannt, es ist egal, was ich sage – ich haben nämlich dann das gesagt, was ich immer gesagt habe. Aber ich habe dann selbst in diesem Moment nicht genau danach gehandelt. Das ist natürlich sofort aufgefallen. Dann ist es auch eingerissen, so dass der Rest des Teams sich, genau wie ich, Sachen herausgenommen hat. Dann ist es auch schwierig zu sagen, du darfst das nicht, wenn ich dann mal selbst zum Beispiel früher Feierabend gemacht habe. Es ist also wichtig, ein gutes und vor allem ein glaubhaftes Vorbild zu sein.

Du planst in Zukunft wieder ein Team aufzubauen – dieses Mal als Unternehmerin. Was wirst du gleich machen? Was möchtest du anders machen als in deiner Angestelltenführungskarriere?

Das ist eine gute Frage. Damals hatte ich schon ein fertiges Team, die Leute waren schon da und ich hatte keine freie Hand bei der Personalauswahl. Wenn ich mir jetzt mein Team aufbaue, werde ich extrem darauf achten, wer ist diese Person, wo liegen die Stärken dieser Person und sind diese Stärken auch in dem Bereich gut aufgehoben. Die Personen müssen sich auch weiterentwickeln wollen. Mir ist wichtig, dass etwas da ist, was sie antreibt, die beste Version ihrer selbst zu sein. Das ist auch etwas, das ich für mich möchte. Ich möchte jeden Tag ein bisschen besser werden, als ich gestern war. Und ich möchte dann auch Entwicklungsmöglichkeiten für meine Mitarbeiter anbieten.

Was würdest du Frauen raten, die selbst Führungskraft werden wollen?

Ganz wichtig ist es, den eigenen Weg zu gehen. Ich habe oft Entscheidungen getroffen, die bei meiner Familie und in meinem Umfeld nicht so populär waren. Ich bin trotzdem meinen Weg gegangen. Ich hatte schon immer meinen eigenen Kopf. Lasst euch nicht beirren. Wenn ihr wirklich davon überzeugt seid, dass ihr das machen wollt und dass ihr es könnt, dann macht es, egal, was die anderen sagen.

Ganz wichtig ist auch – vernetzt euch. Ich habe schon in der Bank gemerkt, wie wichtig es ist, gute Kontakte zu haben. Und das ist bis heute so. Also vernetzt euch, tauscht euch aus und redet über eure Leistungen. Ganz oft machen gerade Frauen sich so ein bisschen klein. Für Männer ist es ganz normal, darüber zu reden, was sie den ganzen Tag geleistet haben. Es ist super wichtig, auch über die eigenen Erfolge zu sprechen.

Wer oder was hat dich in letzter Zeit inspiriert?

Ich habe eine Coachin, mit der ich zusammenarbeite. Und sie inspiriert mich zu noch mehr Lebensfreue. Ich war davor schon ein glücklicher Mensch, aber sie hat dabei geholfen, noch mehr an mir persönlich und an privaten Themen zu arbeiten, so dass ich jetzt sagen würde, ich habe noch mehr Lebensfreue gewonnen durch sie.

Und am meisten lerne ich durch meinen Sohn. Ich lerne vor allem als Mutter, viel gelassener zu sein, auch mal alle Fünfe gerade sein zu lassen. Kinder sind eigentlich die besten Lehrer, weil sie einem durch die Spiegelung des eigenen Verhaltens genau zeigen, was man gerade tut und wo man vielleicht noch etwas verbessern oder ändern sollte – und das finde ich wahnsinnig interessant.

Was planst du in Zukunft für dein Unternehmen? Was ist deine Vision, was du in die Welt tragen möchtest?

Für mein Business plane ich aktuell die Membership, meinen Entrepreneurial Goddess Club. Das ist aktuell mein wichtigstes Projekt. Sie startet am 15.06.2020 und ist vor allem dafür gedacht sich mit anderen tollen Frauen zu vernetzen und auszutauschen. Einmal im Monat gibt es das Online Meetup samt Aufzeichnung. Und es wird auch eine geschlossene Facebook Gruppe für den Austausch geben sowie Interviews mit den Teilnehmerinnen. Jeder Monat wird ein übergeordnetes Thema bekommen, zu welchem es dann Aufgaben gibt. Diese werden ebenfalls in der Gruppe besprochen. Über die Themen können die Teilnehmerinnen abstimmen und jeder kann auch selbst Themen vorschlagen. Es soll ein aktives Miteinander werden.

Ich erstelle auch gerade meinen ersten Onlinekurs zum Thema Zeitmanagement für selbstständige Mütter. Und ich führe einmal im Monat ein Online-Meetup für selbstständige Mütter durch. Das werde ich auch weiterhin machen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass da im Laufe der nächsten Jahre noch mehr dazu kommt, vielleicht auch noch Onlinekurse zu anderen Themen.

Was mir auch besonders am Herzen liegt, ist dafür zu sorgen, dass keine selbstständige Mutter in Deutschland sich mehr alleine fühlt. Ich habe mich nämlich am Anfang in meinem 1. Jahr mit meinem Kind ganz schön alleine gefühlt. Ich hatte zwar tolle andere Mütter in meinem Umfeld, die aber überhaupt nicht nachvollziehen konnten, dass es Deadlines gibt und dass man als Selbstständige nicht so einfach 2-3 Jahre Elternzeit nehmen kann. Da hat mir so ein bisschen das Verständnis und der Austausch gefehlt. Das ist also meine Mission, dafür zu sorgen, dass keine selbstständige Mutter mehr alleine ist und sich wünscht, sie hätte jemanden, mit dem sie sich austauschen kann. Sie soll auf ein tolles Netzwerk zurückgreifen können, wo man sich gegenseitig unterstützt, motiviert und hilft. Es geht mir dabei um ein Geben und ein Nehmen.

Danke dir, Melanie, für das tolle Interview.

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Mehr zu Melanie findest du hier: https://www.instagram.com/melanie_birsin/

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